Kritik von Kulturredakteur Harald Loch: Das Richtungsding lässt Eulen nach Klagenfurt fliegen

Harald Loch, Kulturredakteur für verschiedene Zeitungen, hat uns dankenswerterweise seinen unveröffentlichten Text über unsere Klagenfurt-Lesung überlassen:

Das Richtungsding lässt Eulen nach Klagenfurt fliegen

Die Geschichte fing vor vier Jahren an. Professor Ursula Renner-Henke, Germanistin und Literaturwissenschaftlerin an der Universität Duisburg Essen, unternahm mit einigen Studenten eine Exkursion zum Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis nach Klagenfurt. Seitdem wiederholt die engagierte Dozentin diese Ausflüge an den Wörthersee jährlich. Aus dem Kreis der Teilnehmer der ersten Stunde hat sich ein „Dichtungsring“ in und um Essen gebildet, in dem mehrmals im Jahr Bachmann-Preis gespielt wird – eigene Texte gelesen und diskutiert werden.  Als einer der Initiatoren nach Duisburg zog und dort auf das „2 – 3-Straßen-Projekt“ stieß, eine urbanistisch orientierte nachbarschaftlich arbeitende Kulturinitiative, entstand der kühne Plan, aus dem Bachmann-Spiel eine Zeitschrift entstehen zu lassen. Wie ein Schüttelreim entstand aus dem Dichtungsring das Richtungsding, und die erste Nummer dieser vor einigen Wochen in Herten vorgestellten Zeitung wurde soeben in Klagenfurt einem kleinen Publikum mit vier gelesenen Texten präsentiert.


Ein Riesentalent wächst in der seit dem Beginn an diesem Ruhr-Klagenfurt-Richtungsding - Projekt beteiligten Jasamin Ulfat heran, die im Café Walter am Neuen Platz in Klagenfurt einen bisher unveröffentlichten, rasanten, gemäßigt postapokalyptischen Text vortrug. Ihr Vater stammt aus Afghanistan, ihre Mutter aus Deutschland. Die Heimat ihres Vaters hat sie noch nie kennen gelernt. Ihr literarisches Deutsch ist sehr komprimiert, kürzlich gewann sie am Prenzlauer Berg ihren ersten Literaturpreis und – gemessen an den im Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis gelesenen Texten – sie wäre auch im „offiziellen“ Klagenfurt weiter gekommen: bravo!

Von den anderen Texten aus dem Richtungsding erfrischte vor allem „Steele bleiben!“ von Fabian Wolbring mit einer geradezu umwerfenden Komik. Wenn erste Sätze bestechen können, dann dieser: „Das Nöhl und die Jaulwinde leiden“ und wenn das Ganze an einem Heptadekagon, einem Siebzehneck endet, darf man dazwischen getrost viel Witz vermuten.  Zwischen diesen beiden Leuchttürmen des Richtungsdings gab es „normale“ Bachmann-Kost. Die beiden Herausgeber Harald Gerhäußer und Jan-Paul Laarmann vom  Hans-Böckler-Platz in Mülheim trugen zwei handwerklich einwandfreie Texte vor, die wol auch in den Wettbewerb hätten eingeladen werden können. Das Projekt Ruhr goes Klagenfurt ist dort angekommen, wo es begonnen hat und ein erfrischender Lesenachmittag mit dem Richtungsding bewies, dass experimentelle, abwechslungsreiche und talentierte Texte nicht etwa nur von Gnaden des Literaturbetriebs entstehen sondern auch im Weichbild von Hochschulen – dank engagierter Professoren.

Harald Loch

Bezug und Kontakt zur Zeitschrift: www.richtungsding.com

Preis pro Ausgabe 5 Euro zzgl. Porto